Jetzt ist das Thema wieder da. Der Behindertenfahrdienst in Jena. Akut.
Und ehrlich: Ein Tick derselbe Ärger wie vor über 16 Monaten.
Schon damals haben wir uns über den Fahrdienst beschwert, der die Intensivlady von zu Hause in den Förderbereich und zurückbringt. Die Probleme lagen offen vor mir, ich atmete schwer.
- Es gibt bis heute keine verlässliche Ansprechperson. Niemanden, der erreichbar ist, niemanden, der Fahrten sauber koordiniert, niemanden, bei dem man im Akutfall einfach absagen oder etwas klären kann. So zumindest der Eindruck vom Pflegeteam, von uns.
- Es wurde ein Fahrzeug geschickt, das für diese Situation schlicht nicht passt.
Was heißt unpassend?
Es war ein Bus, in den der Fahrer die Lady über eine Rampe hineinschieben musste. Einen 120-Kilo-Rollstuhl. Über eine Rampe, die bei Regen glatt ist. Ohne Schiebehilfe. Das ist keine Kleinigkeit, das ist ein Risiko. Wenn der Fahrer wegrutscht, stolpert oder den Rollstuhl auch nur für einen Moment nicht mehr sicher halten kann, dann reden wir nicht über einen kleinen Fehler. Dann reden wir über einen Sturz mit Ansage.
Unser Einspruch hatte immerhin einen kleinen Effekt. Das Fahrzeugproblem wurde gesehen. Es kam ein Bus mit Rollstuhllifter. Die Kommunikation dagegen blieb genau das, was sie vorher schon war: schlecht. Es gibt bis heute keine feste, sichere Kontaktstelle, bei der wir Fahrten zuverlässig absagen oder Änderungen besprechen können. Wieder und wieder sind wir verunsichert, an wen wir uns wenden können, wenn wir Fahrten absagen.
Und informiert werden wir auch nicht sicher.
Mit den Osterferien hat der Fahrdienst einfach die Zeiten geändert. Ohne Absprache. Ohne saubere Ankündigung. Die Intensivlady wird seitdem einfach eine Viertelstunde früher abgeholt.
Auf dem Papier klingt das nach wenig. Im Alltag ist es nicht wenig.
Die Intensivlady muss mittags mindestens zwei Stunden liegen. Sie hat eine schwere Skoliose, und längeres Sitzen verursacht Schmerzen. Damit der Nachmittag für sie überhaupt auszuhalten ist, muss sie therapeutisch gelagert werden. Dazu kommen pflegerische Abläufe wie das Katheterisieren. Das sind keine Nebensachen. Das ist keine Flexibilität, die man mal eben aus dem Ärmel schüttelt. Dies ist die notwendige Versorgung.
Das zweite Problem ist genauso schräg: Der Fahrdienst nimmt einen zweiten Rollstuhlnutzer mit, obwohl der Bus dafür nicht ausgelegt ist. Für jeden Rollstuhl braucht es vier Kraftknoten, damit er sicher befestigt werden kann. In diesem Fahrzeug gibt es insgesamt nur sechs. Das reicht nicht. Nicht rechnerisch. Nicht praktisch. Nicht sicher.
Beide Fahrgäste bleiben während der Fahrt im Rollstuhl sitzen. Genau deshalb muss die Sicherung stimmen. Wenn der Fahrer eine Vollbremsung machen muss, drückt es den Rollstuhl mit aller Wucht nach vorn. Ist er nicht ausreichend befestigt, wird aus einem Transport in Sekunden eine Gefährdung. Zwei Kraftknoten für einen besetzten Rollstuhl sind unzureichend. Punkt.
Ich frage mich ernsthaft, wie gut die Fahrerinnen und Fahrer solcher Dienste über diese Risiken informiert sind. Denn letztlich tragen sie die Verantwortung auf der Straße. Wenn es kracht und die Rollstühle nicht nach geltendem Standard gesichert wurden, dann kann das gravierende Folgen haben. Für die Fahrgäste zuerst. Für die Fahrer rechtlich direkt danach. Im schlimmsten Fall reden wir über Verletzungen, Haftung, Schmerzensgeld und die Frage, wer sich dann aus der Verantwortung zieht.
Und ich habe wenig Vertrauen, dass die Firma in so einem Fall schützend vor ihren Leuten steht.
Eher im Gegenteil.
Meine Vermutung: Sobald es ernst wird, wird versucht, die Verantwortung nach unten durchzureichen. Auf den Fahrer. Auf den, der am Ende den Kopf hinhält für ein System, das schon vorher nicht sauber organisiert war.
Ein Fahrdienst ist nicht bloß Transport. Er sichert Teilhabe. Er bringt Menschen mit Behinderung zu Förderangeboten, Therapien, Arztterminen, Schule, Arbeit oder anderen notwendigen Terminen, wenn Bus, Bahn oder ein privates Auto dafür nicht ausreichen. In Jena werden Fahrdienste ausdrücklich als Hilfe genannt, um Arztbesuche, Physiotherapie sowie Kultur- und Freizeitangebote überhaupt erreichbar zu machen.
Wenn ein Mensch während der Fahrt im Rollstuhl sitzen bleibt, müssen Rollstuhl und Person getrennt, aber zusammen gedacht gesichert werden:
Der Rollstuhl selbst wird in der Regel an vier Punkten am Fahrzeugboden befestigt, also vorne zweimal und hinten zweimal. Dazu kommt die Personensicherung mit Beckengurt und Schulterschräggurt. Daraus ergibt sich die oft genannte 6-Punkte-Regel: vier Sicherungspunkte für den Rollstuhl plus zwei Gurte für den Menschen. Die BGW beschreibt den Stand der Technik so: vier Abspanngurte für den Rollstuhl und ein echtes Dreipunkt-System mit Becken- und Schulterschräggurt für die Person; der sogenannte Kraftknoten ist dafür seit langem als Stand der Technik ausgewiesen. Vgl: https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/themen/gesund-im-betrieb/sichere-mobilitaet/kraftknoten-20426