20 Jahre Pflegearbeit – ehrenamtlich als Vater – liegen hinter mir, an sich sind es fast 30 Jahre professionell als Krankenpfleger, und ich bin weiterhin allein.
Allein, weil die Care-Arbeit, sei es zu Hause in der Familie oder im Krankenhaus, im Pflegedienst weiterhin den Frauen, den Müttern, zugeordnet wird. Es mag richtig sein, faktisch, es ist statistisch begründet laut statista.
Doch mein Alleinsein begründet sich noch anders: Geht es um Angebote für pflegende Eltern, so sind diese häufig an Frauen ausgerichtet, so meine Wahrnehmung. Es ist logisch: Weil in Deutschland mehrheitlich Frauen ihre Kinder versorgen und daher schwer erkrankte Kinder pflegen, wird schnell die Mutter als Zielgruppe gesetzt.
Diese Wahrnehmung, nur die Mutter pflegt, verstärkt sich nochmals, weil die meisten Bilder, die ich kenne, zu pflegenden Angehörigen eine Mutter und ein erkranktes und/oder pflegebedürftiges Kind zeigen. Klar, ich unterliege hier einer kognitiven Verzerrung. Eine Verzerrung, womit ich dieses Bild auch verstärkt wahrnehme, weil ich es erwarte. Angebote an Väter oder geschlechtsneutrale nehme ich dann weniger wahr, nur weil mein Gehirn mir einen Streich spielt.
Doch erlebe ich, egal ob verzerrt oder nicht, ich bin in der Pflege allein, obwohl ich weiß, dass es Männer in der Pflege gibt. Männer, die pflegen. Ich kenne andere Väter, die aktiv in der Pflege und Sorgearbeit bei ihrem Kind dran sind. Einen alleinerziehenden Vater mit zwei behinderten Kindern. Ich weiß, es gibt einen guten Anteil an professionell Pflegenden, die männlich sind.
Wir selbst hatten vor einem Jahr bei uns im PflegeTeam 50 % Männer, was in Deutschland überdurchschnittlich ist. 2022 sollen es an die 18 % gewesen sein.
Also bin ich nicht allein. Ich bin allein, da ich mich nicht in Angeboten von Vereinen in der Selbsthilfe zur Pflege oder auch im professionellen Bereich wiederfinde. Die Bildsprache, ein Flyer zum Angebot, erklärt mich nicht zu der Zielgruppe.
Dazu gewann ich bei manchen Angeboten den Eindruck, dass eine Front, eine Abgrenzung zu den Männern läuft. Männer würden schon … doch reicht es nicht … die Frau ist immer noch die Tragende für Sorgearbeit.
Sachlich ist dies richtig, klar. Doch wenn ich gesellschaftlich will, dass auch Männer mehr in der Care-Arbeit übernehmen, dass sie pflegen, dann sollte vermieden werden, zu erklären, wer wie viel macht und wer nicht. Das irritiert mich. Viele mir bekannte Vereine wollen doch, dass Männer mit angesprochen werden. Aber so frage ich mich: Bin ich in der Sorgearbeit gewünscht als Mann? Bin ich als pflegender Vater weniger wert als die pflegende Mutter?
Das muss sich ändern – und zwar aus mehreren Gründen:
Gerechte Sichtbarkeit
Wenn Werbematerialien und Flyer ausschließlich Frauen zeigen, entsteht das Bild, dass nur Frauen pflegen dürfen. Pflegende Väter fühlen sich nicht angesprochen, sehen sich allein, und deshalb gehen wichtige Hilfen verloren.
Stärkung des Selbstwerts von pflegenden Vätern
Ein pflegender Vater sollte nicht das Gefühl haben, weniger wert zu sein als die Mutter. Gleichwertige Darstellung signalisiert: „Dein Beitrag ist genauso wichtig und würdig.“
Förderung einer ausgewogenen Aufteilung der Care‑Arbeit
Die gesellschaftliche Erwartung, dass Pflege hauptsächlich von Müttern erledigt wird, ändert sich nur, wenn Männer ermutigt und unterstützt und in der Bildsprache gezeigt werden. Wenn eine ausgewogene Aufteilung erreicht wird, schafft sie mehr Freiraum für beide Elternteile und reduziert die Belastung einzelner Familienmitglieder.
Verbesserung der Versorgung von Pflegebedürftigen
Mehr Care- oder Pflegearbeit von Vätern in der Familie, egal ob vom Nullpunkt an, bedeutet mehr verfügbare Helfer – und damit bessere und flexiblere Pflege für die Betroffenen.
Prävention von Überlastung und Burn‑out
Wenn nur eine Person (oft die Mutter) die gesamte Sorgearbeit übernimmt, steigt das Risiko der Erschöpfung. Geteilte Verantwortung senkt diesen Druck deutlich.
Vielfalt in Selbsthilfe‑ und Beratungsangeboten
Männer bringen andere Perspektiven, Fragen und Lösungsansätze mit. Gruppen, in denen Väter mitreden können, bereichern den Erfahrungsaustausch für alle Beteiligten.
Erfüllung gesetzlicher Gleichstellungsanforderungen
Gleichstellung ist nicht nur ein moralisches, sondern auch ein rechtliches Ziel. Angebote, die nur ein Geschlecht ansprechen, laufen Gefahr, gegen Antidiskriminierungsvorschriften zu verstoßen.
Signal für die Gesellschaft: Care‑Arbeit ist keine „Frauen‑Aufgabe“
Durch geschlechtsneutrale Programme zeigen wir, dass Pflege ein menschliches, nicht ein rein weibliches, Anliegen ist. Das trägt zu einer Kultur bei, in der jeder – unabhängig vom Geschlecht – sich einbringen kann und jeder, der pflegt, okay ist, so wie sie oder er ist.
Verkennen von Care-Arbeit
Wenn wir nur Frauen die Care-Arbeit zuordnen, verkennen wir schnell, welche Aufgaben und Tätigkeiten, die wir „an sich“ der „Männerdomäne“ zuordnen, auch Care-Arbeit sind oder zur Pflege gehören. Etwa der Aufbau und die Wartung des heimischen Computernetzwerkes, um den auflaufenden (elektronischen) Schriftverkehr zu archivieren, um ihn für mögliche Rechtsstreits bereitzuhaben.

Was das konkret bedeutet:
Bilder und Sprache anpassen
Statt nur Mütter‑Kinder‑Szenen zu nutzen, sollten Flyer Fotos von Vätern, Paaren und gemischten Familien zeigen. Formulierungen wie „Eltern, die pflegen“ statt „Mütter, die pflegen“ sind viel inklusiver.
Offene Anmeldeformulare
Lasst das Geschlecht im Anmeldebogen optional, bietet es gar nicht an oder, wenn nötig, die Auswahl „Vater, Mutter, Elternteil, sonstiges“.
Spezielle Angebote für Väter
Kurzinterventionen, Trainings oder Austauschgruppen, die gezielt die Fragen von pflegenden Vätern ansprechen, ohne sie als „Ausnahme“ oder „Besonders“ zu markieren.
Sensibilisierung des Personals
Pflegekräfte, Sozialarbeiter:innen und Entscheider:innen im Verein sollten darüber informiert werden, dass Männer genauso häufig Hilfe benötigen und bieten.
Feedback‑Schleifen
Fragen Sie aktiv nach, ob Männer sich angesprochen fühlen, und passen Sie Programme kontinuierlich an.
Ein Aufruf zur Tat
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Vater, der nachts beim kranken Kind sitzt und plötzlich einen Flyer mit einem Bild einer Mutter mit ihrem Kind in einem Krankenbett sieht. Sie denken: „Das ist nicht für mich.“ Genau das verhindert, dass Väter wertvolle Unterstützung nutzen.
Wenn wir jetzt gemeinsam dafür sorgen, dass alle Angebote geschlechtsneutral gestaltet sind, dann entsteht ein Raum, in dem jeder Pflegende – egal ob Vater, Mutter, Oma, Opa oder andere Angehörige – mit Stolz sagen kann: „Ich bin Teil der Pflege.“
Die unbezahlte Arbeit der Väter für die Familie, für die Pflege, erfährt dann, dass sie genauso wichtig ist wie die der Mutter. Care-Arbeit von Vätern erfährt damit eine Normalisierung.
Damit schaffen wir nicht nur ein solidarischeres Umfeld, sondern auch eine bessere Versorgung für die Menschen, die uns am Herzen liegen. Machen wir das zusammen!
Doch was denkst du? Unterliege ich hier einem Denkfehler oder hat mein Erleben einen Funken Wahrheit?