1. Wer hat das Sagen?

Du und dei­ne Part­ne­rin oder dein Part­ner seid die Manager:innen eures Hau­ses. Das bedeu­tet nicht, dass ihr die Pfle­ge­kräf­te bevor­mun­det, son­dern dass ihr die Rah­men­be­din­gun­gen festlegt:

  • - Haus­ord­nung (z. B. wann die Pfle­ge­kraft kommt, wel­che Gerä­te benutzt wer­den dürfen)
  • - Kom­mu­ni­ka­ti­ons­re­geln (wie und wann ihr euch austauscht)
  • - Ent­schei­dungs­be­fug­nis (z. B. bei Not­fäl­len, wann ihr einen Arzt rufen wollt)

Wenn ihr die­se Rol­le klar defi­niert, könnt ihr die Pfle­ge­kraft als Dienst­leis­ter sehen, der euch unter­stützt, nicht als „Chef:in“ im klas­si­schen Sinne.

Um gut mit den Pfle­ge­fach­kräf­ten, den Ärzt:innen oder auch Therapeut:innen zu spre­chen, zu kom­mu­ni­zie­ren, gibt es ein gutes Werk­zeug: die gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on (GfK).

2. Was ist Gewaltfreie Kommunikation (GFK)?

GFK ist ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dell, das von Mar­shall Rosen­berg ent­wi­ckelt wur­de. Es hilft, Kon­flik­te zu ver­mei­den und Miss­ver­ständ­nis­se zu klä­ren, ohne dass sich jemand ange­grif­fen fühlt. Die vier Schrit­te sind:

Schritt Was du tust War­um das hilft
Beob­ach­tung
Beschrei­be, was pas­siert, ohne zu bewerten.
Ver­hin­dert Schuldzuweisungen. 
Gefühl Sag, wie du dich fühlst.
Zeigt dei­ne Emo­tio­nen, ohne den ande­ren anzugreifen. 
Bedürf­nis Erklä­re, wel­ches Bedürf­nis dahin­ter steckt.
Ver­bin­det Gefühl und Handlung. 
Bit­te For­mu­lie­re eine kon­kre­te, umsetz­ba­re Bitte. Gibt dem Gegen­über einen kla­ren Handlungsrahmen. 

Bei­spiel:
„Ich habe bemerkt, dass du gera­de das Absau­gen gestar­tet hast, obwohl ich kei­ne Ver­än­de­rung im Atem dei­nes Kin­des sehe. Ich füh­le mich besorgt, weil ich das Bedürf­nis habe, dass wir nur dann absau­gen, wenn es wirk­lich nötig ist. Könn­test du bit­te vor­her mit mir abklä­ren, ob das Absau­gen wirk­lich erfor­der­lich ist?“

3. Warum GFK in der Intensivpflege?

  • Redu­ziert Miss­ver­ständ­nis­se – Pfle­ge­kräf­te haben oft einen stren­gen Ablauf­plan. GFK hilft, eure Beden­ken ein­zu­brin­gen, ohne dass sie sich ange­grif­fen fühlen.
  • Stärkt die Bezie­hung – Wenn ihr euch respekt­voll aus­tauscht, ent­steht Vertrauen.
  • Ermög­licht Ent­schei­dun­gen – Ihr behal­tet die Kon­trol­le über wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen, ohne die Pfle­ge­kraft zu überfordern.
  • Ver­rin­gert Stress – Kon­flik­te füh­ren zu zusätz­li­chem Druck. GFK schafft Klar­heit und Ruhe.

4. Schritt-für-Schritt: Ein Gespräch mit der Pflegekraft

  1. Vor­be­rei­tung
  2. Notie­re dir, was du anspre­chen möchtest.
  3. Über­le­ge dir, wel­che kon­kre­ten Fra­gen du hast (z. B. „Wann ist das Absau­gen wirk­lich nötig?“).
  4. Beob­ach­tung
  5. „Ich habe gese­hen, dass du gera­de das Absau­gen gestar­tet hast.“
  6. Gefühl
  7. „Ich füh­le mich beunruhigt.“
  8. Bedürf­nis
  9. „Ich brau­che Sicher­heit, dass wir nur dann absau­gen, wenn es wirk­lich not­wen­dig ist.“
  10. Bit­te
  11. „Könn­test du mir bit­te erklä­ren, war­um das Absau­gen gera­de jetzt nötig ist? Oder könn­ten wir vor­her gemein­sam entscheiden?“
  12. Akti­ves Zuhören
  13. Lass die Pfle­ge­kraft antworten.
  14. Wie­der­ho­le kurz, was du ver­stan­den hast: „Wenn ich rich­tig ver­ste­he, ist das Absau­gen wegen…“
  15. Gemein­sa­me Lösung
  16. Schla­ge eine Lösung vor: „Wie wäre es, wenn wir einen Plan erstel­len, wann wir absau­gen, und ich kann dich vor­ab informieren?“
  17. Abschluss
  18. Bedan­ke dich für die Zusammenarbeit.

5. Praktische Tipps für den Alltag

Situa­ti­on GFK‑Ansatz Tipp
Unkla­rer Pflegeplan Beob­ach­tung + Bitte
„Ich habe den Plan nicht ganz ver­stan­den. Kannst du mir bit­te die wich­tigs­ten Punk­te erklären?“ 
Unan­ge­mes­se­ne Geräusche Gefühl + Bedürfnis „Ich füh­le mich gestresst, weil das Gerät laut ist. Ich brau­che Ruhe, damit mein Kind sich ent­span­nen kann.“ 
Not­fall Beob­ach­tung + Bitte „Ich sehe, dass das Kind Atem­pro­ble­me hat. Bit­te ruf sofort den Arzt an.“ 
Selbst­stän­dig­keit fördern Bedürf­nis + Bitte „Ich möch­te, dass mein Kind lernt, sei­ne Atem­we­ge zu kon­trol­lie­ren. Kannst du mir Übun­gen zeigen?“ 

6. Was du nicht tun solltest

  • Nicht beschul­di­gen – „Du machst das falsch!“
  • Nicht emo­tio­nal wer­den – „Ich bin wütend, weil du das nicht machst!“
  • Nicht vage blei­ben – „Mach das ein­fach anders.“
  • Nicht die Ver­ant­wor­tung abge­ben – „Du bist die ein­zi­ge, die das tun kann.“

7. GFK in der Praxis: Ein kurzes Rollenspiel

Eltern­teil: „Ich habe bemerkt, dass du gera­de das Absau­gen gestar­tet hast, obwohl ich kei­ne Ver­än­de­rung im Atem dei­nes Kin­des sehe oder Pulso­xy gepiept hat. Ich füh­le mich besorgt, weil ich das Bedürf­nis habe, dass wir nur dann absau­gen, wenn es wirk­lich nötig ist. Könn­test du bit­te vor­her mit mir abklä­ren, ob das Absau­gen wirk­lich erfor­der­lich ist?“

Pfle­ge­kraft: „Ich habe das Absau­gen gestar­tet, weil der Moni­tor einen nied­ri­gen Sau­er­stoff­wert anzeigt.“

Eltern­teil: „Dan­ke, dass du das sagst. Ich ver­ste­he, dass der Moni­tor wich­tig ist. Ich wür­de ger­ne, dass wir gemein­sam ent­schei­den, ob das Absau­gen wirk­lich nötig ist, damit wir das Kind nicht unnö­tig belas­ten. Wie klingt das für dich?“

Pfle­ge­kraft: „Das klingt gut. Wir kön­nen das gemein­sam besprechen.“

8. Fazit

  • Du bist der Chef:in in dei­nem Zuhau­se, aber nicht im her­kömm­li­chen Sinne.
  • GFK ist ein Werk­zeug, das dir hilft, dei­ne Bedürf­nis­se klar zu kom­mu­ni­zie­ren, ohne die Pfle­ge­kraft zu überfordern.
  • Kla­re Kom­mu­ni­ka­ti­on redu­ziert Stress, stärkt die Bezie­hung und sorgt dafür, dass dein Kind die best­mög­li­che Pfle­ge erhält.

Den­ke dar­an: Es geht nicht dar­um, die Pfle­ge­kraft zu kon­trol­lie­ren, son­dern gemein­sam ein Umfeld zu schaf­fen, in dem dein Kind sicher und gut betreut ist. Mit GFK hast du ein prak­ti­sches, respekt­vol­les Mit­tel, um das zu erreichen.

Du hast die Kon­trol­le – und das ist ein gro­ßer Vor­teil für dich und dein Kind.

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