Du startest in den Tag, in den Alltag, und gleich überwältigt dich beim Intensivkind, bei der Intensivlady, eine Unruhe- oder Schmerzkrise.
„Was bietet der Tag sonst noch?“ Dies wäre ein Gedanke, der den Morgen begleiten könnte. Tut er nicht. Stattdessen jagt mir die Schwere in die Knie. Die gebliebene Müdigkeit vom Bett stärkt, nährt die Erschöpfung. Jegliche Erholung, die mir der Schlaf brachte, nimmt die verschwindende Nacht mit.
Guten Morgen. Ja, einen guten Morgen wünsche ich.
Dies wäre der gewünschte Start in den Tag gewesen. Die Pflegefachkraft bei Linn steht leicht müde am Bett und erzählt davon, wie ruhig die Nacht war.
Es wäre ein guter Start gewesen.
Wenn die erste Entscheidung nicht dem Kaffee gilt
Doch die Nacht war nur bis dahin ruhig. Gegen 5:45 Uhr steigert sich die Intensivlady in eine Unruhe hinein. Sie bekommt Tramadol, doch so richtig greift es nicht. Die Fachkraft fragt noch, wann man denn Fentanyl geben sollte.
Die erste Entscheidung des Tages ist damit nicht, zu schauen, wie ich heute meinen Kaffee trinke, also welche Art von Kaffee: Instant, damit es schnell geht, oder italienischen Mokka.
Die Entscheidung ist: Stelle ich mich dieser Frage oder nicht?
Ich stelle mich der Frage. Ich beantworte sie kurz, ausweichend: Sie solle uns hierfür gerne hinzuholen.
Die zweite und dritte Entscheidung gelten ebenfalls nicht dem Kaffee. Es gilt zu klären, ob ich noch mit Novalgin und dazu mit Diazepam reingehe.
Stopp, es folgt noch eine dritte Entscheidung: Omeprazol.
Alle drei Medikamente werden aufgelöst, jeweils einzeln in einer Spritze, und über die Magensonde gegeben. Der Kaffee darf, muss noch warten.
Die Pflegefachkraft ist vor fünf Minuten gegangen, und nach weiteren zehn Minuten greift wohl das Tramadol. Langsam breitet sich Ruhe im Zimmer aus. Der Puls, der zwischenzeitlich bis auf 160 Schläge pro Minute hochjagte, sinkt auf unter 100.
Guten Morgen, meine Intensivlady.
Darf ich jetzt guten Morgen sagen? Mich an dich legen, deinen Arm um mich legen?
Ich darf.
15 Minuten später schläft unser Intensivkind ein.

Und was wurde eigentlich aus meinem Kaffee?
Ob der Tag gerettet ist? Wer weiß.
Zumindest durfte ich sie schlafend und gewaschen dem Frühdienst übergeben, mit der Option, dass Linn bei weiterer Anspannung zu Hause bleiben sollte.
Ach so, was ist aus meinem Kaffee geworden?
Ja, ganz ehrlich: Ich habe meine erste Tasse schon um 5:50 Uhr getrunken. Doch ich dachte: Hey, ändere ich mal die Dramaturgie des Morgens ein wenig – für ein kleines Plus an Spannung.
Bist du jetzt enttäuscht, liebe:r Leser:in?
Das darfst du, ehrlich.
Um sechs Uhr morgens wurden meine Erwartungen an den Tag auch enttäuscht.
Ich hätte ihn gern anders erlebt.
Jetzt klingt „Regen“ von Enno Bunger in meinen Kopfhörer und ich frage mich, ob ich morgens weinen darf, zur Entlastung. Ich darf. 7:45 Uhr.